ÖVZ-Festakt mit klaren Forderungen an die Politik
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Wien | Bécs | Dunaj | Beč | Viedeň | Vídeň | Betschi, 14. Oktober 2026
Festakt an der Universität Wien - ÖVZ feiert sein Bestehen mit prominenten Festrednern und fordert durchgängige zweisprachige Bildung, Neukodifizierung des Volksgruppengesetzes und lückenlose zweisprachige Gerichtsbarkeit; neues Handbuch über die Kärntner Sloweninnen und Slowenen präsentiert
Wien, 14. Oktober 2026 – Mit einem Festakt im Großen Festsaal der Universität Wien hat das Österreichische Volksgruppenzentrum (ÖVZ) am Dienstagabend, 13. Oktober 2026, sein 40-jähriges Bestehen gefeiert. Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundesministerin Claudia Bauer und Harald Stauder (Südtiroler Volkspartei) wandten sich einleitend mit Videobotschaften an die Gäste. Weitere Grußworte sprachen Bundesminister für Bildung Christoph Wiederkehr, Suzana Lep Šimenko, Ministerin für Slowenen im Ausland der Republik Slowenien, und Milan Bošnjak, Sonderbeauftragter der Republik Kroatien für Minderheiten im Ausland. Unter den Gästen waren Nationalratspräsident Walter Rosenkranz, Botschafterinnen und Botschafter der Nachbarstaaten, Abgeordnete sowie Vertreterinnen und Vertreter aus diversen Bereichen der Volksgruppen. Das 1985 gegründete ÖVZ vertritt die gemeinsamen Anliegen der sechs autochthonen Volksgruppen Österreichs.

Würdigung durch Bundespräsidenten, Bundesministerin und Südtirol
In ihren Videobotschaften würdigten Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundesministerin Claudia Bauer und Harald Stauder die vier Jahrzehnte währende Arbeit des Volksgruppenzentrums. Sie hoben seine Bedeutung als gemeinsame Plattform der autochthonen Volksgruppen Österreichs hervor, die deren Anliegen bündelt und ihnen in Politik und Öffentlichkeit Gehör verschafft. Claudia Bauer kündigte die Implementierung des Volksgruppenforums zur Novellierung des Volksgruppengesetzes und konkrete Initiativen zur besseren Sichtbarkeit der Volksgruppen in der Öffentlichkeit an. Harald Stauder betonte zudem, dass die Südtirolerinnen und Südtiroler die Zusammenarbeit auch auf internationaler Ebene mit dem ÖVZ seit dessen Bestehen sehr schätzen.
Wakounig: „Volksgruppenpolitik ist europäische Politik“
ÖVZ-Präsident Marian Wakounig begrüßte die Gäste in allen Sprachen der Volksgruppen. In den Mittelpunkt seiner Rede stellte er die Verbindung von Menschen, „etwas, das man in keiner Bilanz findet“. Als Kärntner Slowene sprach er auch auf Slowenisch: „Meine Muttersprache war für mich nie eine Grenze, sondern immer eine Brücke. Und genau das wünsche ich allen Sprachen unserer Volksgruppen. Denn wir dürfen eines nicht vergessen: Wo Sprachen einander begegnen, wachsen keine Mauern, sondern Brücken, über die wir aufeinander zugehen.“ Mit Blick auf die Nachbarstaaten und Südtirol hielt er fest: „Wo Volksgruppen gut leben, gedeihen auch die Beziehungen zwischen den Staaten.“ Zugleich mahnte er: „Sprache lebt nur, wenn sie gesprochen wird. Eine Kultur lebt von jedem Moment, den wir teilen. Und Volksgruppenrechte leben nur, wenn die ganze Gesellschaft sie trägt.“ Die Volksgruppen bereicherten das Land wirtschaftlich, gesellschaftlich und geistig: „Die Volksgruppen sind daher ein gemeinsamer Reichtum unseres ganzen Landes. Diesen Reichtum gilt es nicht nur zu bewahren, sondern auch zu erkennen, wertzuschätzen und für die Zukunft weiterzuentwickeln.“
Wiederkehr: Zweisprachigkeit forcieren
Bundesminister Christoph Wiederkehr sprach sich für die Stärkung des zweisprachigen Schulwesens und der vorschulischen Erziehung aus, in Wien ebenso wie in Kärnten und dem Burgenland. „Bildung schafft Möglichkeiten und zusätzliche Perspektiven“, so Wiederkehr. Er präsentierte eine klare Vision für die Bundeshauptstadt: Ein durchgängiges Bildungsangebot in den Volksgruppensprachen. Dabei gehe es um alle Bildungseinrichtungen, von den Kindergärten bis zur Matura. Ziel sei es, „die zweisprachige Vermittlung der Volksgruppenkultur und der Volksgruppensprache weiter zu forcieren“. Sein Bekenntnis zu Volksgruppen strich er hervor: „Geht es den Volksgruppen gut, geht es der Demokratie gut.“
Lep Šimenko: Muttersprache und Identität bewahren
Die slowenische Ministerin Suzana Lep Šimenko würdigte in ihren Grußworten die vier Jahrzehnte des Zentrums und seine Rolle bei der Vernetzung und Vertretung der Volksgruppen in Österreich. Sie betonte die Bedeutung der Bewahrung von Muttersprache, Kultur und nationaler Identität. Ebenso hob sie gegenseitigen Respekt und Zusammenarbeit hervor, die die österreichische Gesellschaft bereicherten und zu ihrer Vielfalt beitrügen. Ihr Besuch unterstrich zudem die Bedeutung des regelmäßigen Dialogs zwischen Slowenien und Österreich.
Bošnjak: Kroatinnen und Kroaten als Brücke zwischen Staaten
Milan Bošnjak, Sonderbeauftragter der Republik Kroatien für Minderheiten im Ausland, unterstrich, die strategische Bedeutung des ÖVZ für die Republik Kroatien. Das ÖVZ sei eine Plattform, mit der Kroatien in Volksgruppenfragen eng zusammenarbeite. Weiters verwies er auf die europäischen Verpflichtungen Österreichs, die sich aus der Rahmenkonvention zum Schutz nationaler Minderheiten ergeben. Die kroatische Sprache, die zugleich eine Amtssprache der Europäischen Union ist, gelte es zu bewahren, wertzuschätzen und aktiv zu fördern. „Dialog und gegenseitiges Verstehen bilden die Grundlage einer starken Gesellschaft, der Mitbestimmung und eines geeinten Europas“, so Bošnjak. Darüber hinaus hob er die ausgezeichneten bilateralen Beziehungen zwischen Österreich und Kroatien hervor. Eine bedeutende Brücke zwischen den beiden Staaten bilde dabei nicht zuletzt die autochthone kroatische Volksgruppe in Österreich.
Buranits: Bildung, Gerichtsbarkeit, Finanzierung
ÖVZ-Generalsekretär Josef Buranits zog in seiner Festrede Bilanz. Er nannte das Zentrum „die kritische und laute Stimme für Österreichs autochthone Volksgruppen“. Die Novelle des Volksgruppengesetzes vom Juli 2026, die nun alle autochthonen Volksgruppen verfassungsrechtlich nennt, wertete er als ersten wichtigen Schritt zur Stärkung der Volksgruppenrechte und fordert gleichzeitig eine Neukodifizierung des veralteten und unzureichenden Volksgruppengesetzes. Basis dafür könne der gemeinsam erarbeitete Expertenvorschlag des ÖVZ aus dem Jahr 2009 sein. „Alles was wir tun, muss bei den Menschen ankommen“, so Buranits. Den Arbeitsfokus legt das ÖVZ auf das von Bundesministerin Bauer angekündigte Volksgruppenforum und die Absicherung und Ausweitung des Schulangebotes in Wien.
Sachliche Kritik übte Buranits an der Lage in Kärnten: „An dieser Stelle ist deutlich zu sagen, dass vielen Kärntner Sloweninnen und Slowenen der Zugang zur zweisprachigen Gerichtsbarkeit – trotz der staatsvertraglichen Verpflichtungen – noch immer nicht ermöglicht ist.“
Im Bildungsbereich fordert das ÖVZ ein durchgängiges Angebot in den Volksgruppensprachen vom Kindergarten bis zur Matura, verstärkt vor allem in Wien. Eine Arbeitsgruppe mit Unterstützung des Bildungsministeriums wurde bereits eingerichtet. Das Modell Europaschule passe für die Volksgruppen nicht, erklärte Buranits: „Das Ziel muss es sein, dass aufbauend auf das pädagogische und organisatorische Modell der Komenský-Schule eine passende, vor allem finanzielle Lösung für die Volksgruppen in Wien zustande kommt.“
Zur allgemeinen Finanzierung der Volksgruppenarbeit hielt er fest: „Es gilt aber, die finanziellen Mittel nicht zu kürzen und sie immer an die Inflation anzupassen.“ Der Republik Slowenien, der Republik Kroatien und dem Bildungsministerium dankte er für ihre langjährige Zusammenarbeit und Unterstützung.
Neues Handbuch über die Kärntner Sloweninnen und Slowenen
Marija Wakounig von der Universität Wien, selbst Kärntner Slowenin, präsentierte das neue, aktualisierte Volksgruppenhandbuch über die Kärntner Sloweninnen und Slowenen/Koroške Slovenke in Slovenci. Es ist in Kooperation des ÖVZ mit dem Österreich und Ostmitteleuropa Zentrum, Universität Wien, entstanden. Gemeinsam mit den Junghistorikern Simon Urban und David Ressmann wirkte sie federführend am inhaltlichen Aufbau und Neustrukturierung des Buches mit.
Das über 143 Seiten starke Werk bietet eine fundierte Gesamtübersicht über die Entwicklung der Volksgruppe. Besonders hervorgehoben wird in dieser Auflage die Rolle der Frauen in der Geschichte der Volksgruppen – ein Aspekt, der in bisherigen Forschungen unterrepräsentiert war. Wakounig unterstrich, dass das Verständnis der Sprache und Kultur die notwendige Basis für den gesicherten Fortbestand der Identität von der Volksschule bis zur Hochschule darstellt. Das Handbuch ist über das ÖVZ erhältlich.

Vier Jahrzehnte gemeinsame Stimme
Gegründet wurde das ÖVZ 1985 von einem Team rund um den Kärntner Slowenen Karel Smolle; 1986 waren alle Volksgruppen vereint. „Zu den größten Erfolgen zählt, dass es uns gelungen ist, die Frage österreichischer Volksgruppen allgemein zugänglich zu machen“, sagte Smolle.
Musikalisch gestalteten das Supreme Quartett und Marko Blascetta den Abend in den Sprachen der Volksgruppen. Die Moderation übernahm Roman Roblek.


Medienberichte:
Fotokatalog - © ÖVZ-Tanja Buranits




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